20.09.2006 Auszüge aus dem Referat von Günter Hoffmann
„Frau Preuß, ich bedanke mich für ihre Begrüßungsworte. Ihre Anwesenheit zeigt, dass auch Schulleitungen die Bedeutung des Themas erkannt haben: „Hauptschule und Sportvereine als Partner“.
Die Nevigeser, Tönisheider und Langenberger Vereine leisten, jeder in seinen Bereichen, unter dem Strich hervorragende Jugendarbeit.
Wir kennen aber auch die Grenzen der Jugendarbeit in Sportvereinen:
„Hauptschule und Sportvereine als Partner“ ist das heutige Thema, weil wir wissen, dass insbesondere Hauptschüler von den Sportvereinen kaum erreicht werden.
Warum greifen wir gerade jetzt das Thema auf?
Ursache sind nicht die Medienberichte über Paris, die Rütlischule Berlin oder die Hauptschule Heiligenhaus. Nein, diese Ereignisse sind es nicht, weil keiner ernsthaft daran glaubt, dass die Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereinen solche Geschehnisse verhindern können.
Aber eine Partnerschaft von Hauptschulen und Sportvereinen kann:
Warum wollen wir insbesondere für Kinder und Jugendliche aus Hauptschulen die Zugangschancen zu Sportvereinen erhöhen?
Hierauf gab Herr Pack vom Schulministerium im November 2004 (im Rahmen einer BfS Tagung: Zugangschancen von Kindern in Sportvereinen erhöhen, Düsseldorf 2004) eine Antwort:
Antworten auf die Frage, warum das so ist, geben u. a.:
– Prof. Pilz, UNI Hannover....., er formuliert den Leitsatz vieler Übungsleiter (auf einem Kongress zum Thema: Sport – Ein Weg zur Integration): „Wer aus der Reihe tanzt fliegt raus“
und
– J. Schröder, er zitiert in der Zeitschrift Olympische Jugend Untersuchungen „Die traditionellen Angebote der Sportvereine können bestimmte Zielgruppen von Kindern nicht ansprechen“.
Warum viele Gymnasiasten, aber wenig Hauptschüler in die Sportvereine gehen, hat insbesondere Prof. Brettschneider, Universität Paderborn, in seiner vielbeachteten Studie „Jugendarbeit im Sportverein – Anspruch und Wirklichkeit“ herausgefunden:
„Vor allem solche Jugendliche gehen vermehrt in den Sportverein, die sich von vornherein einer starken Physis und Psyche erfreuen“.
Anmerkung: Das sind, wie es die Statistik belegt, vor allem Gymnasiasten; vier von fünf Gymnasiasten sind Mitglied in einem Sportverein.
Umkehrschluss: Kinder mit psychosozialen Defiziten gehen eher nicht in die Sportvereine.
Um diese Zielgruppe zu erreichen, bedarf es der Förderung psychosozialer Gesundheit durch eine spezifische Inszenierung des Sports sowie entsprechender Kompetenzen derer, die ihn anbieten und vermitteln.
„Weder die Förderung psychosozialer Gesundheit noch die Entwicklung motorischer Leistungsfähigkeit geschieht so nebenbei“(Brettschneider) - Nicht im Sportverein, wie Herr Brettschneider meint, aber auch nicht in der Schule, wie ich anmerken möchte.
Primär geht es doch darum:
Das geschieht nicht so nebenbei.
Wir sind davon überzeugt, dass Jugendarbeit im Sportverein Hauptschüler erreichen kann, wenn die Inhalte die Kinder und Jugendlichen ansprechen u n d wenn die Anbieter (Trainer, Übungsleiter, Lehrer, Pädagogen) über entsprechende Kompetenzen verfügen.
Wir haben durch die heutige Veranstaltung versucht aufzuzeigen, was Kinder und Jugendliche inhaltlich anspricht:
Gleichzeitig haben wir sportfachliche, pädagogische und psychologische Kompetenzen gebündelt:
Von besonderer Bedeutung ist auch: Hauptschulkinder sind personenbezogen. Dies verdeutlicht das Beispiel von Gerd Utech, Hauptschule Am Baum.
Fünfzehn Jahre hat Herr Utech versucht Schüler seiner Volleyball AG dem Verein TuS 64 Velbert zuzuführen. Ergebnis: Fehlanzeige. Erst als Gerd Utech selbst als Übungsleiter für den TuS Velbert die Volleyballgruppe betreute, sind alle Jungen in den Verein eingetreten. Dieses Beispiel belegt die überragende Bedeutung der Mitwirkung eines Sportlehrers beim Projekt Zusammenarbeit Schule/Verein.
Die Mitwirkung eines Sozialarbeiters, eines Profis in Sachen Jugendarbeit, ist für die Qualität im erzieherischen Bereich unverzichtbar.
Von seine Kompetenzen sollen auch Übungsleiter, Lehrer und Sporthelfer profitieren. Von Vorteil ist, dass der Sozialarbeiter einen Teil der Kinder und Jugendlichen durch seine Arbeit im Jugendzentrum kennt.
Der Übungsleiter des Vereins lernt im Angebot „Schule und Verein“ die Kinder kennen – und die Kinder lernen den Übungsleiter kennen.
Wir erinnern uns: Hauptschulkinder sind besonders stark personenbezogen. In der Frage einer Vereinsmitgliedschaft ist für die meisten Kinder das Verhalten des Übungsleiters entscheidend – sie wollen akzeptiert werden, mit all ihren Fehlern. Sie brauchen viele und schnelle Erfolgserlebnisse und Anerkennung. Dies zu leisten ist lange Zeit wichtiger als hohe Fachkompetenz in einer Sportart.
Last Not Least die Sporthelfer. Sie können gleich drei wichtige Funktionen erfüllen: Sie unterstützen erstens die Arbeit der Kooperation Schule und Sportverein und erleichtern zweitens den Kindern den Übergang in den Sportverein. Somit können dem Sportverein über den Sporthelfer neue Mitglieder zugeführt werden.
Ein weiteres Ziel der Sporthelferausbildung ist drittens die Mitwirkung in einem Sportverein. Aus der Tätigkeit eines Gruppenhelfers in einem Verein ergibt sich in der Regel die Option einer Übungsleiterausbildung. Somit sind bewährte Sporthelfer prädestiniert, mit 18 Jahren dem Verein als Übungsleiter zur Verfügung zu stehen.
Mir ist kein Projekt bekannt, das die Erkenntnisse und Schlüsse aus den vorliegenden Untersuchungen zum Thema“ Zugangschancen zum Sportverein“ in der Praxis erfolgreich praktiziert.
Auf der heutigen Veranstaltung ist ihnen ein Modellentwurf mit guten Umsetzungschancen präsentiert worden. Ob jedoch die Zusammenarbeit Hauptschule und Sportverein zukünftig auf den heute aufgezeigten Grundlagen stattfinden kann, ist nicht die Frage einzelner. Es ist vor allem eine gesellschaftspolitische Frage:
Wir leben in einer Zeit in der die Begriffe „Unterschicht“ und Chancenungleichheit zunehmend in den Blickpunkt öffentlicher Diskussion geraten.
Ich sehe es als vordringliche Aufgabe alle Möglichkeiten zu nutzen, um den Hauptschülern zumindest im Sport und durch den Sport Chancengleichheit für eine gesunde körperliche, seelische und soziale Entwicklung zu bieten.